Die Geschichte des Kirchenvorstands

Schon im Mittelalter Älteste, Altaristen oder Provisoren

Kirchenvorstände sind keine de­mokratische Erfindung der Neuzeit. Unter ganz verschiedenen Namen gibt es sie seit dem späten Mittelal­ter. Sie hießen Älteste, Altaristen, Kirchenjuraten, Karkswaren, Provi­soren oder Vorsteher, hatten aber das gleiche Amt: Sie sollten das Kirchenvermögen verwalten.

Vorsteher zuerst in den Städten

In den Städten, in denen Bürgergemeinden die Kirche selbst gestiftet hatten, lassen sich zuerst „Vorsteher" nach­weisen. Nur dort, wo jemand allein, ein „Patron", den Unterhalt der Kirche trug, gab es keine Vorsteher. Wenn eine Gemeinde eine Pfarr­stelle „dotierte", also das Geld für die Gründung einer Pfarrstelle und für den laufenden Unterhalt eines Pfarrers bereitstellte, konnten die Vorsteher sogar das Recht erwer­ben, diesen Pfarrer zu berufen.

Kirchenvorstände verwalteten das Vermögen

Die Vorsteher verwalteten häufig größere Summen und verliehen die vorhandenen Gelder gegen Zinsen, fungierten faktisch als Spar- und Darlehnskasse. Außerdem verpach­teten sie den kirchlichen Grundbe­sitz und mussten den Bauzustand der Kirche und Küsterei (Schule) überwachen. Damit sie nichts in die eigene Tasche wirtschafteten, wurden sie in der Visitation vom zuständigen Amtmann (Landrat) überprüft. Damals konnten nur zah­lungskräftige Honoratioren zu Vor­stehern bestimmt werden, weil nur sie mit ihrem Vermögen einstehen konnten, wenn eine Kirchenkasse bankrott machte.

Selbständigkeit der Vorsteher nahm ab

Weil es gelegentlich vorkam, dass eine Kirchenkasse nicht mehr zahlungsfähig war, nahm das Miss­trauen der staatlichen Amtsträger (Amtmann/Landrat und Superin­tendent) gegenüber den Vorstehern immer mehr zu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften sie nur noch ganz kleine Geldsummen selbst­ständig verwalten, Ausgaben von mehr als drei Talern mussten vom Amtmann genehmigt werden. Auch die Mitwirkung bei der Berufung von Pastoren hatten die Vorsteher weithin verloren.

Frauen waren ausgeschlossen

Mit der „bürgerlichen Revolution" 1848 wurden die Beteiligungs­rechte verstärkt. So beschloss die Ständeversammlung (Landtag) am 14.10.1848 auch ein „Gesetz über Kirchen- und Schulvorstände". Die bisherigen Ämter der Vorsteher, Provisoren, Armenvorsteher usw. wurden durch einheitlich organi­sierte Kirchenvorstände ersetzt. Sie sollten von der Gemeinde gewählt werden, doch durften nur die Leute wählen, die Kirchensteuern zahlten. Frauen und Personen ohne Besitz hatten kein Wahlrecht. Zunächst beschränkten sich die Aufgaben der Kirchenvorstände auf die her­kömmlichen Aufgaben: Rechnungs­führung, Friedhofsverwaltung und Bauangelegenheiten.

Kirchenvorstands- und Synodalordnung von 1864

1864, kurz vor dem Ende des König­reiches Hannover, verabschiedete die Ständeversammlung eine erste Kirchenverfassung, die „Kirchenvorstands- und Synodalordnung".

Nun erhielten die Kirchenvorstände neue Aufgaben: Beteiligung an der Wahl der Pfarrer, Mitbestimmung bei der Gottesdienstordnung, Be­teiligung bei der Gemeindediakonie. Außerdem sollten sie Vertreter in die Bezirkssynode (heute: Kirchen­kreistag) entsenden, die wiederum die Mitglieder der Landessynode wählte.

Nun wurde demokratisch gewählt

Nach der endgültigen Trennung der Kirche vom Staat wurde 1922 eine neue „Kirchenverfassung" verabschiedet. Nun galten für die Wahlen die Grundsätze: allgemein – gleich – geheim – unmittelbar. Je­des Mitglied der Kirchengemeinde durfte wählen. Unterschiede wegen Geschlecht, Besitz oder Stand wur­den nicht mehr gemacht.

Dieses sehr demokratische Wahlrecht führte 1933 dazu, dass an vielen Orten entschiedene Nazis in die Kirchenvorstände gewählt werden konnten. Damit begann der lokale Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche. Nach diesen Erfahrungen änderte man das Wahlrecht nach 1945: Nur wer sich am Gemeindeleben beteiligte, sollte wählen dürfen und wählbar sein. Doch diese Regelung ließ sich nicht durchhalten: Heute ist das Wahlrecht wieder demokratisch organisiert. Auch haben sich die Aufgaben der Kirchenvorstände von der Finanzverwaltung auf alle kirch­liche Arbeitsbereiche ausgedehnt.

 

KV-Geschichte im Überblick

schon im Mittelalter Älteste, Altaristen, Kirchenjuraten, Karkswaren, Provi­soren oder Vorsteher

Begriff "Vorsteher" taucht zuerst in den Städten auf

ihre Aufgaben:

  • Verwaltung des Kirchenvermögens
  • Verpachtung des Landes
  • Überwachung des Bauzustands von Kirche und Schule
  • mancherorts auch Berufung des Pfarrers

Misstrauen der staatlichen Amtsträger wuchs, deshalb zu Beginn des 19. Jahrhunderts Rechte und Aufgaben weitgehend beschnitten

1848: Gesetz über Kirchen- und Schulvorstände

  • erstmals einheitlich organisierte Kirchenvorstände
  • von Gemeindegliedern gewählt, aber Frauen und Besitzlose ohne Wahlrecht
  • Aufgaben: Rechnungsführung, Friedhofsverwaltung und Bauangelegenheiten

1864: Kirchenvorstands- und Synodalordnung

  • neue Aufgaben: Mitbestimmung bei Wahl des Pfarrers und der Gottesdienstordnung, Beteiligung an Gemeindediakonie

1922: Kirchenverfassung

  • Wahl jetzt: allgemein - gleich - geheim - unmittelbar
  • jedes Gemeindeglied durfte wählen

Nationalsozialismus: oft entschiedene Nazis in Kirchenvorstände gewählt,

  • deshalb nach 1945: Wahlrecht (aktiv und passiv) nur für aktiv am Gemeindeleben Beteiligte, ließ sich so nicht durchhalten

Heute: Demokratisches Wahlrecht

  • Aufgaben der Kirchenvorstände auf alle kirchlichen Arbeitsbereiche ausgedehnt