Die Geschichte der Landeskirche

Die Vielfalt der hannoverschen Landeskirche, die einen Großteil ihres Reizes ausmacht, spiegelt sich in ihrer Geschichte wider.

Das Mittelalter

Die Christianisierung begann in unserer Region in einigen Gebieten durch englische Wandermönche. In anderen Gebieten wurde, nachdem Karl der Große im 8. Jahrhundert die Sachsen besiegt hatte, gleich mit dem Aufbau einer festen Organisation mit Bischofssitzen begonnen. Doch auf dem flachen Land dauerte es noch lange, bis Pfarrkirchen in erreichbarer Nähe gebaut waren. Erst im späten Mittelalter entstand ein engmaschiges Netz von Kirchen, die zum Teil noch heute die niedersächsische Landschaft prägen.

Die Reformationszeit

Allerdings verbürgt der Besitz eines Kirchengebäudes noch keine Glaubenskraft. Das war eine zentrale Einsicht der Reformation, die sich in Niedersachsen allmählich und flächendeckend durchsetzte. In größeren Städten wurde die neue Botschaft schnell bekannt und im Fürstentum Lüneburg die Reformation schon 1527 eingeführt. Im Fürstentum Calenberg wurde 1542 ein erster Anlauf zur Reformation unternommen, doch erst 1584 war sie endgültig durchgesetzt.

Das Verhältnis der jeweiligen Landesherren zum neuen Glauben war für die Einführung der Reformation bestimmend. Aber auch andere Faktoren, etwa die Verkehrsverbindungen zu kulturellen Zentren, spielten eine Rolle. Langfristig setzte sich ein „klares, aber mildes und jedem Extrem abholdes Luthertum“ durch (Gerhard Uhlhorn). Diese Gemeinsamkeit im Verständnis des christlichen Glaubens ermöglichte später das Zusammenwachsen zu einer Landeskirche.

Pietismus und Aufklärung

Infolge der Reformation zerfiel die ältere bischöfliche Kirchenorganisation. Die Landesherren ergriffen die Initiative und beriefen Superintendenten (Pröpste) sowie Generalsuperintendenten, die bischöfliche Aufgaben übernahmen. Jedes Territorium erhielt seine eigene Kirchenorganisation.

Dennoch gab es Gemeinsamkeiten zwischen diesen „Landeskirchen“: Die Landesuniversitäten, zunächst in Helmstedt, dann in Göttingen, prägten die Pastoren und ihre Verkündigung, Historische Strömungen wie der Pietismus oder die Aufklärung schlugen sich – grenzüberschreitend – in den Texten der Gesangbücher und Katechismen nieder. Besonders weit verbreitet war beispielsweise das Erbauungsbuch „Vom wahren Christentum“ (Johann Arndt, 1555–1631). Es unterstrich die persönliche Beziehung des Glaubenden zu Christus und griff damit ein zentrales Anliegen des Pietismus auf. Prägend wurde die Aufklärung, die weitgehend von Pastoren getragen wurde, die für ein „vernünftiges Christentum“ warben.

Das Königreich Hannover

Als der Wiener Kongress (1815) die politische Landkarte Europas neu ordnete, wurden im Königreich Hannover mehrere Territorien zusammengefasst. Das Gesetz über Kirchen- und Schulvorstände (1848) war ein erster Schritt in Richtung einer einheitlichen Landeskirche. Die Kirchenvorstands- und Synodalordnung (1864) führte zur Errichtung eines Kirchenparlaments - die Landessynode – sowie dem Landeskonsistorium (heute Landeskirchenamt), das als zentrale kirchliche Verwaltungsbehörde fungierte.

Nach 1866

Die Annexion Hannovers durch Preußen (1866) beschleunigte zwar das Zusammenwachsen der Landeskirche, veränderte aber nicht ihre Struktur. Mit Entstehung der Hermannsburger Mission (1849) und großer diakonischer Einrichtungen erweiterte sich das Gesichtsfeld der kirchlich Interessierten; Diakonie und Mission wurden als zentrale kirchliche Aufgaben akzeptiert.

Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Republik

Eine neue Kirchenverfassung wurde nötig durch die Trennung der Kirche vom Staat in der Weimarer Republik. Ganz neu geschaffen wurde das Amt eines Landesbischofs. Es war zunächst mit nur wenigen Kompetenzen ausgestattet, weil man einen bischöflichen Klerikalismus fürchtete. Die ersten Amtsinhaber, August Marahrens (1875–1950) und sein Nachfolger Hanns Lilje (1899 –1976), waren überzeugende geistliche Persönlichkeiten, sodass spätere Verfassungsänderungen die Kompetenzen des Bischofsamtes deutlich erweiterten.

Nazi-Zeit und Nachkriegszeit

In der NS-Zeit blieb die Landeskirche zwar äußerlich intakt, doch waren nur einzelne Christen bereit, ihren Widerspruch gegen die NS-Ideologie deutlich erkennen zu lassen. Anders Hanns Lilje, er hatte z. B. Kontakte zur Widerstandsbewegung. Als Bischof bemühte er sich intensiv darum, die ökumenische Dimension des christlichen Glaubens sichtbar zu machen. Das galt nicht nur für das weltweite Luthertum, sondern auch für die Verbesserung der Beziehungen zur katholischen Kirche.

Die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen

Die Gründung der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen (1971) erleichterte die Zusammenarbeit der Landeskirchen mit dem Land Niedersachsen, wie sie im Loccumer Vertrag (1955) definiert worden war.

Überblickt man die Geschichte der hannoverschen Landeskirche, so zeigen sich nicht nur verschiedene Traditionen; ebenso wichtig ist die Erinnerung daran, dass an den historisch gewachsenen Grenzen einer Kirchengemeinde der Landeskirche die kirchliche Arbeit nicht endet.

Dr. Hans Otte, Leiter des landeskirchlichen Archivs, in: Handbuch für Kirchenvorstände, Hannover 2012, S. 14-15

Weiterführende Literatur

Cord Cordes: Geschichte der Kirchengemeinden der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Hannover 1983.
Hans-Walter Krumwiede: Kirchengeschichte Niedersachsens, Bd. 1 und 2, Göttingen 1995/1996.