Andachtsimpuls Juni 2015

Da sagte er: „Lass mich los, denn die Morgenröte kommt auf.“ Und der sagte: „Ich lass dich nicht los, nur wenn du mich segnest.“

Gen 32,27 (BigS)

Ich springe an auf diesen Vers. Aber nicht, weil ich ihn wirklich verstanden habe – denn so aus dem Zusammenhang genommen ist mir nicht klar, wer „er“ ist und wer mit „der“ gemeint ist. Ich springe an, weil der Vers ein „Schlüsselthema“ enthält, eines, das offensichtlich mit meinem Leben zu tun hat. Es geht, in welcher Hinsicht auch immer, zunächst ums Loslassen. Da möchte jemand losgelassen werden – von einem anderen, der ihn wohl schon eine gewisse Zeit festhält. Doch der, der loslassen soll, stellt eine Bedingung: „nur, wenn du mich segnest“. Für mich klingt das wie: „Sonst halte ich dich weiterhin fest, auch über den heranbrechenden Morgen hinaus.“

Dieser kleine Dialog ist eigentlich seltsam. Zunächst erscheint es, als wäre der, der zuerst redet, der „Schwächere“, denn er muss darum bitten, losgelassen zu werden. Der andere hat ihn „im Griff“ doch er möchte von dem scheinbar Unterlegenen gesegnet werden, was diesem wiederum gefühlt eine größere Kraft verleiht. Der Segen erlangt hier eine besondere Bedeutung, Segen ist es, der die Wendung bringen soll und kann.

Ich frage: „Wann können wir loslassen im Leben? Dann, wenn wir keine Angst haben, den (vermeintlichen) Halt zu verlieren? Wenn das, an dem wir festhalten, sozusagen nicht mehr nötig ist?“ Loslassen befreit – ganz banal ist es schon spürbar, wenn wir uns dazu durchringen, alte Dinge wegzutun. Da entsteht tatsächlich Platz für Neues. Auch unsere Seele ist manchmal wie ein alter Dachboden, dabei brauchen wir „eigentlich“ vieles gar nicht mehr. Manches, was wir festhalten, ist schon reine Gewohnheit.

Hilft es beim Loslassen, wenn wir spürbar Segen empfangen? Weil darin das Gesehen-sein, das Angenommen-sein, das Aufgehoben-sein grundsätzlich enthalten ist?

Natürlich habe ich den Monatsspruch in der Bibel nachgelesen. Es sind Jakob und Gott, die miteinander ringen. Zunächst schien es mir logischer, dass Jakob den ersten Satz spricht. Aber lese ich weiter, wird auch klar, dass der folgende mit der „Bedingung“ nicht von Gott stammen kann – denn die Ewige wird doch nicht von uns gesegnet!?! So gesehen, verläuft Segen nur in eine Richtung. Und wenn wir selber einen Segen zusprechen – steht dahinter nicht immer die Annahme einer größeren Kraft? Schöpfen wir sozusagen aus einer Quelle, deren Wasser uns erfrischt und stärkt, oder gar durch uns hindurch fließt, die wir aber nicht festhalten können?

Mit Gott zu ringen kenne ich gut. Ich will etwas verstehen, ich stoße schon wieder an dieselbe Kante, mir passt etwas einfach „so“ nicht. Dabei ist es eine interessante Sichtweise, dass ich vielleicht auch mal Gott loslassen muss (wo es doch eher heißt „an dir will ich festhalten“). Und zwar über den Kopf loslassen. Nicht Gott denken wollen, sondern Gott lassen können. Eigentlich hört das Ringen dann auf – und ohne Kampf wird die Ewige „im Bauch verstehbar“ und die Frage nach dem Namen Gottes (die auch Jakob stellt) aushaltbar, sogar überflüssig.

Uta Michels-Weise, Sprakensehl

 

Monatsspruch für Juni 2015

Da sagte er: „Lass mich los, denn die Morgenröte kommt auf." Und der sagte: „Ich lass dich nicht los, nur wenn du mich segnest."

Gen 32,27 (BigS)