Andachtsimpuls November 2015

Habt auch mit denen Mitleid, die zweifeln.

Judasbrief 22  (BigS)

Der Judasbrief ist vermutlich um die 1. Jahrhundertwende nach Christus entstanden. Die christlichen Gemeinden waren noch jung, der Glaube hatte noch keine Tradition und Andersden­kende und -glaubende verunsicherten die Gemeinden. Deshalb, im urchristlichen Sinn: Verjagt sie nicht, verteufelt sie nicht, sondern habt Mitleid.

In der Übersetzung nach Martin Luther heißt es: „Und erbarmt euch, derer, die da zweifeln”. Heute, nach 2000-jähriger Ge­schichte des Christentums, mit Phasen, in denen die christliche Religion auch zur Unterdrückung missbraucht wurde und nicht nur Hoffnung stiftend war, haben sich die Begriffe – Mitleid und Erbarmen – nach meiner Einschätzung inflationär entwickelt. „Ich will kein Mitleid”, diesen Satz können wir oft hören. Fühle ich mich wohl, wenn mich jemand bemitleidet oder mir gegen­über sein Erbarmen ausdrückt? Entsteht eine Rangordnung? Ist der oder die zu Bemitleidende in einem Abhängigkeitsver­hältnis? Die Einen haben etwas zu geben, nämlich Mitleid oder Erbarmen, und fühlen die sich wohl damit? Die Anderen sind Empfangende – erleben die etwas Herablassendes?

Mir erscheinen diese Worte heute, mit demokratischem Grundgefühl, nicht mehr stimmig zu sein. Mitgefühl dagegen drückt ein gleichwertiges Verhältnis aus, und die Beteiligten können sich gegenseitig annehmen. Mitgefühl ist aus meiner Sicht eine sehr hilfreiche Form des Trostes. Im Bibeltext steht dem Mitleid der Zweifel gegenüber, speziell der Zweifel in Glaubensfra­gen. Der Zweifel ist nichts Negatives. Er ist ein Begleiter des Glaubens; er hält ihn lebendig und ermöglicht einen kreativen Zugang zu Glaubensfragen. Wer zweifelt, denkt nach, ist ein Suchender oder eine Suchende.

„Dein Suchen ist ein Teil deines Findens”, so lässt sich B. v. Weizsäcker, die Tochter des früheren Bundespräsidenten, trö­sten. Ich möchte ergänzen: Deine Fragen sind ein Teil deiner Antworten. Für die Autorin sind die Zweifel heilig. Sie schreibt davon überzeugend in ihrem Buch: „Ist da jemand? Gott und meine Zweifel.” Der Zweifel ist eine Antriebskraft des Glaubens. Thomas von Aquin (1225-1274) sagt sogar: „Der Zweifel ist die einzige angemessene Form des Glaubens.”

Gott ist und bleibt ein Geheimnis, dem wir uns nur tastend annähern können. Nach Karl Rahner (1904-1984) heißt Glau­ben: „Die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang aushalten.” – So würde ich heute einem Menschen mit Zweifeln offen und neugierig begegnen und mich mit ihr/ihm auf eine spannende, gemeinsame Suche begeben wollen, um dem Mysterium Gott weiter auf die Spur zu kommen.

Ein Klima des Suchen-Könnens wünsche ich mir in unseren Kirchengemeinden, denn Menschen lesen und hören viel, bilden sich eigene Überzeugungen, machen individuelle Glaubenserfahrungen und wollen nicht nur fremde, traditionelle Überzeugungen vorgesetzt bekommen. Ein Miteinander-Forschen bringt „Be-Weg-ung” in unsere Beziehungen. Und ... ist Bewegung – und damit verbunden –Veränderung nicht das Zeichen von Lebendigkeit?

Gertrud Dom, Osnabrück

 

Monatsspruch für November 2015

Habt auch mit denen Mitleid, die zweifeln.

Judasbrief 22  (BigS)