Grafik: Gerke/Ruge/HkD

Die "kirchliche Adresse"

Grafik: Gerke/Ruge/HkD

Wer zur evangelischen Kirche gehört, hat – neben der privaten Anschrift – auch eine „kirchliche Adresse“. So sagt jemand zum Beispiel: „Ich gehöre zur Markus-Gemeinde.“ Oder ein anderer erzählt: „Ich gehöre zur Marktkirche.“ Ein Dritter nennt das Dorf, in dem er lebt, und meint damit gleichzeitig „seine Kirchengemeinde“. Evangelische Christen gehören eben nicht nur zur weltumspannenden Christenheit, sondern sind auch Mitglieder einer ganz bestimmten Kirchengemeinde in der Nähe ihres Wohnortes.

Mittelpunkt dieser Gemeinde ist eine Kirche, in der eine Pastorin oder ein Pastor regelmäßig Gottesdienste hält. Oft gibt es ein Pfarrbüro, das die Verwaltung regelt. Darüber hinaus öffnet ein Gemeinderaum oder ein Gemeindehaus die Türen. Dort trifft sich vielleicht ein Chor und es werden Konfirmandinnen und Konfirmanden unterrichtet. Der „Gemeinde“-Brief informiert regelmäßig über Veranstaltungen und lädt „die Gemeinde“ ein.

Menschen versammeln sich an den biografischen Wegabschnitten

Mehr als 1.300 solcher Kirchengemeinden gibt es in der hannoverschen Landeskirche. Sie stehen allen
Interessierten – auch Nichtmitgliedern – zu Gottesdiensten sowie zu Konzerten und Veranstaltungen offen. Für Kirchenmitglieder bedeutet die eigene Heimatgemeinde aber noch mehr: Dort werden Kinder getauft, Jugendliche konfirmiert, Brautpaare gesegnet und Verstorbene betrauert.

Wieder und wieder versammeln sich Menschen an den entscheidenden biografischen Wegabschnitten in „ihren“ Gemeinden und hören auf Worte, die das Leben im Licht Gottes deuten.

Gemeinde ist dort, wo "das Evangelium verkündigt wird"

Eine evangelische Gemeinde ist dort, wo das „Evangelium rein verkündigt“ und die Sakramente (Taufe und Abendmahl) „richtig verwaltet“ werden, so steht es in den Bekenntnisschriften.

Im besten Fall sind Gemeinden aber auch kirchliche Treffpunkte. Gruppen kommen zusammen, Seniorenkreise laden ein, Musikgruppen proben für besondere Gottesdienste, Kinder feiern Kindergottesdienste, ein  Besuchsdienst verabredet Geburtstagsbesuche. Zu den „Ortszeichen“ von Kirche gehören ebenso Kirchenmusik und Kulturarbeit, Bildung und Diakonie.

Kirchenvorstand und Pfarramt leiten die Kirchengemeinde

Geleitet wird die Gemeinde von einem Kirchenvorstand in Zusammenarbeit mit dem Pfarramt. Gemeinsam kümmern sie sich um Mitarbeitende, die Gebäude, die Finanzen und das Gemeindeleben. Ehrenamtliche übernehmen auch Verantwortung auf höheren Ebenen wie in der regionalen Zusammenarbeit mit anderen Kirchengemeinden, in der Ökumene, im Kirchenkreis und in der Landeskirche.

Diese „Leitung“ ist heute eine der großen Herausforderungen der Gemeinde. Denn viele Ehrenamtliche leiden unter der zunehmenden Fülle von Aufgaben, während Hauptamtliche sich um größere Bezirke und mehr Gemeindeglieder als früher kümmern müssen.

Seit dem Mittelalter: Der Wohnort entscheidet über Zugehörigkeit zu einer Gemeinde

Über die Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde entscheidet der Wohnort. Diese Regelung hat ihren Ursprung im 6. Jahrhundert. So gab es seit dem Frühmittelalter Seelsorgebezirke, sogenannte „Parochien“. Dort war ein Pfarrer oder ein Priester für Taufe, Trauung und Trauerfeier zuständig, im Gegenzug wurde er von seiner Gemeinde versorgt. Über Jahrhunderte hat dieses System sich bewährt und die „Gemeinden“ in ihren traditionellen Grenzen gefestigt.

Heute: veränderte Situationen

Heute allerdings hat sich vieles verändert. Die Gesellschaft ist mobiler geworden. Viele wohnen nicht mehr in der Gemeinde, in der sie getauft und konfirmiert wurden und wo ihre Vorfahren bestattet sind. Traditionelle Bindungen werden dadurch schwächer.

Zugleich erleben wir eine Vervielfältigung von Lebensentwürfen. Die prägende Kraft des Glaubens hat nachgelassen, heute stehen unterschiedliche Lebensmodelle zur Wahl – und nicht immer wird das Angebot der Kirchen gewählt: Die Sehnsucht nach Spiritualität und Glaube boomt, aber die Gemeinden schrumpfen.

Auch die Gemeinden verändern sich

Diese Beobachtung verändert aber auch die Kirchengemeinden. Viele entwickeln neue Gemeindeangebote für unterschiedliche Milieus und Zielgruppen. So werden neben „liturgischen“ Gottesdiensten auch Gospel-, Familien- oder Jazzgottesdienste angeboten. Kulturarbeit und Diakonie (wie Flüchtlingshilfe) spielen vielerorts eine größere Rolle als früher.

Manche Gemeinden erleben neue Aufbrüche, die an die „Fresh X“-Bewegung in Großbritannien erinnern: „Fresh-X“, „Fresh expressions“ bedeutet so viel wie: „neue Ausdrucksformen von Kirche“. Auch bei uns entstehen in manchen Gemeinden überraschende „Profile“, die eine Gemeinde zunehmend charakterisieren.

Oft schließen sich auch mehrere Gemeinden zusammen, um im Rahmen einer regionalen Zusammenarbeit besondere Angebote machen zu können

Zusammenarbeit zwischen Gemeinden

Eine nachbarschaftliche Solidargemeinschaft mit anderen gehörte schon immer zum Wesen einer Gemeinde. Heute sind besonders kleinere Gemeinden auf eine Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden angewiesen. Das kirchliche Recht bietet dafür unterschiedliche Formen an.

  • Die kleinste Form ist eine pfarramtliche Verbindung, in der sich mehrere Gemeinden einen Pastor oder eine Pastorin „teilen“, die Gemeinden jedoch selbstständig bleiben.
  • Eine weitere Form der Zusammenarbeit ist die Arbeitsgemeinschaft, in der vorher definierte Aufgaben gemeinsam erledigt werden.
  • Dagegen kooperieren Kirchengemeindeverbände sehr viel enger und haben zum Beispiel einen gemeinsamen Predigtplan, geben einen regionalen Gemeindebrief heraus oder teilen sich ein Pfarrbüro.
    Die Kirchengemeinden eines Verbandes legen in einer Satzung verbindlich fest, welche Aufgaben der Verband für sie übernimmt und welche Angelegenheiten ein Verbandsvorstand entscheiden muss, dem Mitglieder aller Kirchenvorstände angehören.
  • Eine sehr enge Zusammenarbeit von Kirchengemeinden ermöglicht die Gesamtkirchengemeinde. Hier wählen die Mitglieder aller Gemeinden einen gemeinsamen Kirchenvorstand, in dem alle Gemeinden mindestens mit einer Person vertreten sind. Die einzelnen Kirchengemeinden bleiben als Ortskirchengemeinden erhalten. In einer Satzung wird festgelegt, welche Aufgaben die Ortkirchengemeinden weiterhin selbst übernehmen und in einem Ortskirchenvorstand entscheiden, der auch aus einem oder zwei Mitgliedern bestehen kann.
  • Über diese Formen der regionalen Zusammenarbeit hinaus haben ehemals selbstständige Gemeinden zum Teil auch fusioniert; sie entscheiden über alle Angelegenheiten dann als eine einheitliche Kirchengemeinde mit einem gemeinsamen Kirchenvorstand.
Regionalisierung

Umpfarrung - Personalgemeinden

Es ist übrigens nicht allein der Wohnort, der über die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde entscheidet. Wer möchte, kann sich durch einen Antrag „umpfarren“ lassen und sich einer anderen Gemeinde anschließen.

Allerdings ist das nicht immer nötig: Denn im Chor der Nachbargemeinde mitsingen, ist selbstverständlich auch ohne Umpfarrung möglich.

Darüber hinaus sieht die neue Verfassung der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers (ab 2020) neben der Mitgliedschaft in einer „rechtlich verfassten Kirchengemeinde“ noch eine zweite mögliche Mitgliedschaft in einer „Personalgemeinde“ vor (Artikel 17).

So können sich evangelische Christen nach anderen Kriterien als ihrem Wohnort einer Gemeinde zuordnen und zugleich Mitglied einer Gospelkirche, Jugendkirche, Kulturkirche oder einer missionarischen bzw. diakonischen Gemeinde werden.

Umgemeindung

Persönliche Bindungen in der Ortsgemeinde

Sicher werden sich Ortsgemeinden auch in Zukunft weiter verändern. Manche teilen sich einen Pastor mit der Nachbargemeinde, andere gründen Verbände oder schließen sich mit anderen Gemeinden zusammen.

Wenn die regionale Bindung nachlässt, wächst vielleicht das mediale Angebot, das zu einer anderen Art von Kirchenbindung führt (Internetangebote, Radioandachten, Fernsehgottesdienste).

Doch ersetzt werden kann die persönliche Begegnung in einer Ortsgemeinde dadurch nicht. So bleibt die Ortsgemeinde in der Nähe des Wohnorts auch unter veränderten Bedingungen der Herzschlag der Kirche

Text: Pastor Jan von Lingen, Superintendent im Kirchenkreis Leine-Solling

Gemeinde als Teil der Landeskirche

Das Schaubild "Die Landeskirche auf einen Blick" veranschaulicht die Verflechtung der Kirchengemeinde in den kirchlichen Strukturen und Gremien der Landeskirche.

Schaubild der kirchlichen Strukturen

Die Gemeinde-versammlung

Sie ist die Versammlung der wahlberechtigten Gemeindeglieder, die vom Kirchenvorstand über die Gemeindeentwicklung des zurückliegenden Jahres und über die Pläne für den kommenden Jahreszeitraum informiert wird;

  • die Gemeindeversammlung muss 1 x im Jahr vom Kirchenvorstand einberufen werden; bei Bedarf kann das aber auch öfter geschehen.
  • Wenn mehr Gemeindeglieder als die 6-fache Zahl der Kirchenvorsteher einer Gemeinde eine Gemeindeversammlung beantragen, muss sie vom Kirchenvorstand einberufen werden.
Siehe Schaubild zur Struktur der Landeskirche

Der Gemeindebeirat

Er wird vom Kirchenvorstand auf Wunsch des Pfarramts oder der Gemeindeversammlung gebildet. Seine Aufgabe ist die Förderung des Gemeindelebens und sowie die Unterstützung von Pfarramt und Kirchenvorstand. Ein Gemeindebeirat soll aus mindestens acht Personen bestehen, die nicht dem Kirchenvorstand angehören dürfen.

Siehe Schaubild zur Struktur der Landeskirche